Montag, 10. August 2015

Rezension: Lorenz Marti – Übrigens, das Leben ist schön


Ein schönes Leben führen heißt anfangen können - Augenblicklich! 

Lorenz Marti (2015). Übrigens, das Leben ist schön. Freiburg/Breisgau (GER), Verlag Herder 

Das Buch wurde freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt – www.herder.de 

Rezensent: Mag. Harald G. Kratochvila (Wien)

Stichworte: Leben, Lebensbewältigung, Spiritualität, Lebenskompetenz, Rezension

Über die kleinen Beobachtungen zur Aufmerksamkeit

Lorenz Marti (2015) Übrigens, das Leben ist schön Die Tragik des Lebens
„Der Maler hatte bis gegen Abend weitergearbeitet. Nun saß er, die Hände im Schoß und stumpf vor Ermüdung, eine Weile zusammengesunken im Armstuhl, vollkommen leer und ausgepreßt, mit erschlafften Wangen und etwas entzündeten Augenlidern, alt und fast leblos, wie ein Bauer oder Holzhauer nach der schwersten körperlichen Arbeit.“ (Hesse 1980, 89) – Hermann Hesse hat in seinem Roman Roßhalde die Auflösung einer Künstlerehe beschrieben – Momente tiefer Niedergeschlagenheit werden immer wieder nachgezeichnet: „Da sah er sein eigenes Gesicht im Wasser gespiegelt. Es sah aus, wie die Gesichter der anderen: alt und bleich und tief in gleichgültiger Strenge erstarrt. Er sah es erschreckt und verwundert, und plötzlich stieg die heimliche Furchtbarkeit und sinnlose Traurigkeit seines Zustandes übermächtig in ihm auf. Er versuchte zu schreien, aber es gab keinen Ton. Er wollte laut aufweinen, aber er konnte nur das Gesicht verziehen und hilflos grinsen.“ (Hesse 1980, 109)

Jeder von weiß, wie sie sich anfühlen: das Ausgelaugtsein, das Schwächeln, das Mürbegewordensein – die Tragiken des Lebens zeichnen sich in unsere Gedanken und in unseren Körper ein. Die Spuren davon, werden mit zunehmendem Lebensalter immer schwieriger zu verbergen. Und man könnte sich die Frage stellen, welches Lachen einen mehr berührt: das Lachen eines Kindes, oder das Lachen eines alten Menschen. 

Die Geschichten des Lebens
Kunst und Leben – ein Spannungsfeld, das schon viele Menschen inspiriert hat. Die eigenen Lebenserfahrungen darzustellen, aufzuzeichnen und dabei sich und anderen Gelegenheit geben, tiefer mit bestimmten Erfahrungen und Gefühlen in Kontakt zu treten, das macht Kunst aus – Leben miteinander zu teilen – und dabei keine Facetten auszusparen – das ist für viele der Schlüssel zum gelungenen Leben. Das gelungene Leben ist ein kommunikatives Leben, „… denn sowohl in der Kunst als auch in der Psychotherapie geht es um nichts anderes als das Wesen des Menschen, um die Art, wie er sein Leben zusammen mit anderen lebt und wie er es erzählt.“ (Rotthaus 2014, 251) Dabei lassen sich auch Dimensionen benennen, die diese Erzählungen strukturieren: Neugierde, Schönheit, das Ertragen von Unsicherheit, Kreativität und die Erweiterung der Möglichkeiten (näheres dazu Rotthaus 2014, 251-256)

Die Facetten des Lebens
Und unweigerlich kommt man damit auch mit der Frage in Kontakt, was es über einen selbst zu erzählen gibt und inwiefern, dieses Erzählte tatsächlich einen selbst abbildet: „Die Geschichten, die die anderen über einen erzählen, und die Geschichten, die man über sich selbst erzählt: welche kommen der Wahrheit näher? Ist es so klar, dass es die eigenen sind? … Ist die Seele ein Ort von Tasachen? Oder sind die vermeintlichen Tatsachen nur die trügerischen Schatten unserer Geschichten?“ (Mercier 2008, 232-233) Auf den Spuren dieser trügerischen Schatten wird die Schönheit des Lebens zu entdecken sein. Das ist meine These. 

Zum Autor



Lorenz Marti hat Geschichte und Politikwissenschaften studiert und darin auch seinen Abschluss gemacht. Lange Jahre war er Redaktor im Bereich Religion beim Schweizer Radiosender DRS. Mittlerweile hat er vier Bücher publiziert. Seit 2002 gibt es von ihm eine monatliche Zeitungskolumne unter dem Titel "Spiritualität im Alltag", seit 2004 Lesungen und Vorträge in der Schweiz und in Deutschland. Mehr Informationen zum Autor finden sich hier: www.lorenzmarti.ch


Über die Schönheit des Lebens – Über die Schönheit des Anfangen-Könnens


An einer frühen Stelle des Buches setzt Lorenz Marti ein Zitat des italienischen Romanciers Cesare Pavese, der in einem Satz darauf hinweist, dass Leben sehr viel mit Anfangen-Können zu tun hat: „Es ist schön zu leben, weil leben anfangen heißt, immer, in jedem Augenblick.“ (Marti 2015, 15). Dieses Anfangen-Können zielt ab auf die Verwirklichung der Möglichkeiten, die einem geboten werden – nein, besser: die man sich durch seine Aufmerksamkeit und sein Engagement erst schafft. Hindernisse, die sich dabei einem in den Weg stellen, sind einerseits Fragen der Perspektive: „Was selbstverständlich scheint, kann seltsam wirken, wenn wir es von nahem betrachte.“ (Marti 2015, 46). Und damit auch etwas, das mit der eigenen Individualität zu tun hat – Meister Eckhart schreibt dazu: „Du bist die Quelle all Deiner Hindernisse.“ (Marti 2015, 33). 
Lorenz Marti macht sich in seinem Buch „Übrigens, das Leben ist schön – Entdeckungen auf der Rückseite des Selbstverständlichen“ Gedanken über kleinere und größere Begebenheiten – diese Betrachtungen hat er selbst in den natürlichen Kreislauf der Jahreszeiten gestellt. Die Form, der er sich dabei bedient, ist die Glosse, die Kolumne. Kurz und bündig, werden einzelne Gedanken in diesen Texten dargelegt. Das Thema: das Leben, und wie wir es führen.
Jack Keronac hat es auf den Punkt gebracht: „Vor uns lag noch ein längerer Weg. Uns sollte es recht sein. Der Weg ist das Leben.“ (Marti 2015, 59) Dieser Weg ist gepflastert mit Selbstverständlichkeiten – in anderen Zusammenhängen liest man auch Begrifflichkeiten wie Gewohnheiten, Routinen, habitualisiertes Verhalten, usw. Hinter diesen Selbstverständlichkeiten verbergen sich aber auch wesentliche Werte, an denen wir uns orientieren. Sie in Frage zu stellen, ist keine leichte Angelegenheit – manchmal braucht es dafür äußere Ereignisse – Trennungen, Unfälle, Verluste. Gerade wenn Trauer, Sorge, Schmerzen unser Leben bestimmen, scheinen sich Fragen nach der Schönheit des Lebens wie zynische Häme anzufühlen – „Ist das Leben wirklich schön? Na ja, manchmal schon. Aber nicht immer und nicht überall. Genaugenommen sind die Momente, wo wir es einfach als schön empfinden, eher selten.“ (Marti 2015, 171) 
Dennoch – Leben heißt anfangen und damit wird uns eine Entscheidungsmöglichkeit gegeben, der wir uns wirklich bewusst sein sollten – „Ein waches Leben ist ein schönes Leben.“ (Marti 2015, 172) Die Einfachheit, von der bereits gesprochen wurde, bezieht sich aber nicht auf den Aufwand, der dahinter steckt – die Einfachheit bezieht sich vielmehr auf die Möglichkeit, die sich im Loslassen verborgen hält. Mit vollen Händen lässt sich nichts mehr tragen. Wenn es uns gelingt, den Quellen der Hindernissen, die in uns selbst verborgen liegen, das Wasser abzuschöpfen, dann gelingt uns auch ein schönes Leben. Ganz ohne Mystik? Nach Ansicht von Lorenz Marti eher nicht – doch Mystik greift in diesem Zusammenhang auf Begriffe und Vorstellungen zurück, die den meisten von uns sehr vertraut sind, zum Beispiel Liebe: „Wo das Denken aufhört … da beginnt die Liebe.“ – wie es bei Mesiter Eckhart formuliert wird (Marti 2015, 174)
Liebe versus Denken – das Annehmen und Gewährenlassen versus das Analysieren und Klassifizieren. Ist das schöne Leben ein gedachtes Leben? Vielleicht … 

Fazit

Lorenz Marti nähert sich den Fragen nach dem guten und schönen Leben durch kleine Beobachtungen und Bemerkungen, die im aufgefallen sind, und denen er sich in kurzen Glossen näher widmet. Diese Kolumnenform ist auch mit gewissen Einschränkungen verbunden, die sich in den einzelnen Ausgestaltungen der Gedankengänge widerspiegeln. Manchmal hat man als den Leser den Eindruck, als müsste noch ein klein wenig mehr gesagt werden, um den Gedanken der Glosse stimmig abzubilden – manchmal gelingt es Lorenz Marti aber ganz gut, seine Eindrücke in die stimmig vorzulegen. Durch die Kolumnenform ist es auch immer wieder augenscheinlich, dass sich gewisse Widersprüche einschleichen, die nicht ausdrücklich aufgelöst werden – vielleicht liegt es aber auch daran, dass kleine Betrachtungen einfach nur kleine Betrachtungen sind – ein größeres Bild soll nicht gezeichnet werden. Und vielleicht sind auch aus diesem Grund, die Zitate im Buch nicht ausgewiesen – sie dienen dem Autor bloß als Ausgangspunkt für seine Überlegungen.
Alles in allem liegt mit diesem Buch eine angenehme Lektüre vor, die unaufdringlich, leise und anregend die schönen Seiten des Lebens in den Mittelpunkt rückt. Die Schönheit des Lebens ist eine Frage der Aufmerksamkeit und Bücher wie dieses helfen dabei, neue Perspektiven einnehmen zu können und etwas zur Ruhe zu kommen.
Abschließend noch der Hinweis: „A beautiful way to practice mindfulness, which is almost guaranteed to improve your social life, is to apply mindfulness toward others for the benefit of others.” (Tan 2013, 48) – an dieser Stelle kann auch von Liebe gesprochen werden, und ich bin mir sicher, Lorenz Marti entdeckt an der Rückseite dieser Selbstverständlichkeit Wege des Spirituellen.

Harald G. Kratochvila, Wien

Verwendete Literatur:

Hesse, H. (1980 [1956]). Roßhalde. Berlin (GER), Suhrkamp Taschenbuch Verlag

Mercier, P. (2008 [2004]). Nachtzug nach Lissabon. München (GER), btb Verlag

Rotthaus, W. (2014). Warum systemische Therapeutinnen und Therapeuten sich mit Kunst befassen sollten. Systemische Streifzüge - Herausforderungen für Therapie und Beratung. J. Zwack und E. Nicolai. Göttingen (GER), Vandenhoeck & Ruprecht: 246-259

Tan, C.-M. (2013 [2012]). Search Inside Yourself - The Secret Path to Unbreakable Concentration, Complete Relaxation and Total Self-Control. London (UK), Thorsons

Donnerstag, 16. Juli 2015

Rezension: Klaus Theweleit – Das Lachen der Täter


Ein kritischer Blick auf Legitimationsversuche individueller und kollektiver Gewalt


Klaus Theweleit (2015). Das Lachen der Täter: Breivik u.a. – Psychogramm der Tötungslust. St. Pölten (AUT), Residenz Verlag

Das Buch wurde freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt – www.residenzverlag.at
Rezensent: Mag. Harald G. Kratochvila (Wien)

Stichworte: Kriegsverbrechen, Gewalt, Aggression, Terror, menschliches Verhalten, Moralität, Aufklärung, Lebenskompetenz, Rezension 

Individuelle und kollektive Gewalt im Angesichts des Lachens 

Klaus Theweleit - Das Lachen der TäterBerichte über individuelle und kollektive Gewalt sind mediales Tagesgeschäft. Besonders grausame Verbrechen werden in Wochenmagazinen näher beleuchtet. Gewaltverbrechen mit einem ideologischen Hintergrund werden sogar in Monatsmagazinen analysiert und aufbereitet. Die sogenannten religiös-motivierten Gewaltorgien dominieren die Medien mittlerweile 24/7 – doch bereits hier sind Differenzierungen notwendig. Die Häufigkeit, mit der medial über gewalttätige Migranten berichtet wird, ist nicht den gesellschaftlichen Realitäten entsprechend (Walburg 2014). Die Prävalenz von Psychopathie liegt über die Jahre stabil bei unter 5% (vgl dazu: „im Justizvollzug der USA 15-20 % der Gefangenen, diese seien für 50 % der schweren Delikte verantwortlich“ Müller 2012). Und wenn jemand seine Verbrechen mit ideologischen oder religiösen Motiven schmückt, dann entlässt ihn das nicht aus der Schuld – diese lässt sich nicht so einfach den Ideen oder Systemen zusprechen.

Deutlich wird aber, dass es so etwas wie Legitimationsversuche individueller und kollektiver Gewalt gibt. „Das Lachen der Täter“ ist selbst noch kein solcher Versuch, aber es ist als Zeichen deutbar. Klaus Theweleit hat sich in seinem aktuellen Buch den Tätern auf die Spur gemacht und versucht ein Psychogramm derjenigen Männer zu erstellen, die in den letzten Jahren durch brutale Morde auffällig geworden sind – entweder als Einzeltäter, wie Anders Breivik, oder als Kollektive, wie fanatisierte Selbstmordattentäter, Terroristen und Kindersoldaten.
Dabei lenkt er den Blick auch auf die medialen Inszenierungen, die entweder von den Tätern selbst geliefert, oder von Berichterstattern stammen. Doch alles der Reihe nach … 

Zum Autor

Klaus Theweleit beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Theorien zur Gewalt in ihren verschiedensten Ausprägungen. Bereits seine Dissertation war der Freikorpsliteratur gewidmet. Einem breiteren Publikum wurde er bekannt mit seiner Veröffentlichung „Männerphantasien“, die aus seiner bereits erwähnten Dissertation entstanden ist. Er teilt sein Wissen in Vorträgen und Publikationen - Lehraufträge in Deutschland, den USA, der Schweiz und Österreich. „Arbeitsschwerpunkte: Wörter, Töne, Bilder.Faschismustheorie. Theorie der Gewalt. Gender Studies. Theorie der Medien. Popkultur. Film. Kunst und Macht. Pocahontas. Geschichte(n) zur (fortdauernden) Erfindung Amerikas und zu den (fortdauernden) Kolonialismen.“ (siehe www.klaus-theweleit.de – zuletzt aufgerufen am 13.07.2015)

Ein Interview mit dem Südwestdeutschen Rundfunk zum vorliegenden Buch findet sich hier: www.youtube.com/watch?v=1nIih87pwrA (zuletzt aufgerufen am 13.07.2015) 

Das Lachen der Täter

„Dieses Buch ist zum großen Teil gemacht aus Zeitung; geschrieben entlang aktueller Zeitungsberichte über die in „politischen“ sowie „religiösen“ Kontexten verübten Mordtaten der letzten Jahre und Jahrzehnte.“ (Theweleit 2015, 245) Die apostrophierten Begriffe zeigen an, dass sowohl Politik als auch Religion gerne als Orientierungspunkte verwendet werden – von den Gewalttätern wie auch von den Rezipienten und Beobachtern.
Das Buch folgt keiner strengen Ordnung in Kapitel, sondern greift auf vielfältige Versatzstücke zurück. Es gibt sich entwickelnde Teile unter dem Titel „Lachen“, genauso wie unter dem Titel „Theorie“ und dazu historische Einfügungen z.B. über Srebrenica, das ja vor wenigen Tagen Schauplatz einer Gedenkveranstaltung gewesen ist und dabei auch erkennen ließ, wie tief die Wunden noch immer sind (http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/europa/vu-i-besuch-in-srebrenica-schuld-und-versoehnung-13699007.html).

Dem Buch nähert man sich am besten durch seinen Schluss, den ich hier in extenso wiedergeben möchte: „Der Schluss: All dies sind nicht einfach „wissenschaftliche“ Probleme; auch nicht „journalistische“ und auch nicht einfach politische. Kein „Politiker“, kein „Wissenschaftler“, kein „Journalist“, keine „Analytikerin“ kann irgendetwas davon dauerhaft lösen. „Wir“ (die „Wirs“ aller Sorten) müssen das im Alltag tun. Dort „lösen“ sich bekanntlich selten (oder: nie) Probleme. Sie werden beackert, hin- und hergeschoben; verdrängt, überlagert vom „jeweils“ alltäglich Nächstliegenden. Was „auf den Nägeln brennt“, ruft nach Bearbeitung (& wird erst recht verdrängt). Und dann, Hals über Kopf, entschieden. (Hals über Kopf!) „Lösungen“ zeichnen sich nur da ab, wo die Haut der Andern – grundsätzlich und selbstverständlich – geachtet und verschont wird. In Annäherung, oder auch freundlich auf Distanz gehalten: „Gehalten!“ While others say don’t hate nothing at all except hatred.“ (Theweleit 2015, 233)

Wie sagte schon Wilhelm Busch: ’’Toleranz ist gut, aber nicht gegenüber den Intoleranten.‘‘

Das Lachen der Täter wird von Klaus Theweleit als „Abzeichen des Killers“ verstanden (Theweleit 2015, 7). „Der Killer lächelt, lacht und tobt sich aus … Der Killer triumphiert.“ (Theweleit 2015, 11) In seinen historischen und aktuellen Beispielen liefert er Beschreibungen, wie sich dieses Lachen äußert – in welchem Rahmen es sich abspielt. Dieses Lächeln, Lachen wird vom Autor als innere Befreiung beschrieben – „die erlaubte Übertretung ins Verbrecherische wirkt als emotive Befreiung. Und diese wird gefeiert mit exzessivem Lächeln.“ (Theweleit 2015, 51) Diese angesprochenen Folter- und Tötungsakte werden mittels vier Elementen beschrieben: zunächst der straflos durchgeführte Strafakt, seine Ausstellung (=staging), seine mit einem Lachen begangene Feier und der bejubelte Zusammenschluss mit einer übergeordneten größeren Organisation. (Theweleit 2015, 51 ff.) Bürgerkriege, Terroranschläge, offene Gewaltverbrechen – Klaus Theweleit dokumentiert die Spuren der Gewalt – dabei nutzt er eine Vielzahl von Quellen und führt auf diese Weise ein umfassendes Bild vor, das dieses Lachen der Täter mit anderen Augen sehen lässt. 

Fazit

Alles in allem ist es ein verstörendes Buch – wie ein Dokumentarfilmer folgt Klaus Theweleit den Spuren der Gewalt und liefert seinen eigenen theoretischen Beitrag sozusagen aus dem Off (in seinen Theorieteilen). Seine Betrachtungen verstören – wie in einem Kaleidoskop kommen immer neue Facetten zum Vorschein, mit dem gemeinsamen Betrachtungspunkt – „Das Lachen der Täter.“ (Theweleit 2015, 245)


Harald G. Kratochvila, Wien

Verwendete Literatur:

Müller, H. E. (2012). Die PCL-R von Hare aus kriminologischer und strafprozessrechtlicher Sicht. Vortrag zum 3. Tag der Rechtspsychologie

Walburg, Ch. (2015). Migration und Jugenddelinquenz - Mythen und Zusammenhänge. (http://mediendienst-Integration.de/fileadmin/Dateien/Gutachten_Kriminalitaet_Migration_Walburg.pdf - zuletzt aufgerufen am 13.07.2015)

Sonntag, 12. Juli 2015

Rezension: Cem Ekmekcioglu – Drück mich mal

Was Körpererinnerungen und Berührungserfahrungen mit uns machen

Cem Ekmekcioglu (2015) Drück mich mal. Warum Berührungen so wichtig für uns sind. Frankfurt/Main (GER), Westend Verlag

Das Buch wurde freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt: www.westendverlag.de

Rezensent: Mag. Harald G. Kratochvila (Wien)

Stichworte: Berührung, Emotion, Depression, Einsamkeit, Lebenskompetenz, Rezension 

Der vernachlässigte 5. Sinn: Der Tastsinn – Berührungen und Körperlichkeiten

Harald G. Kratochvila - Rezension: Cem Ekmekcioglu - Drück mich malBis vor einiger Zeit hätte ich nicht gewusst, was ich von Männern und Frauen halten soll, die sich auf öffentlichen Plätzen hinstellen und Passanten mit ihren Schildern zu verstehen geben, dass es bei ihnen Gratis-Umarmungen, sogenannte free hugs, abzuholen gäbe. Ich hätte mich wahrscheinlich darüber gewundert, was es wohl mit diesem Angebot zum Körperkontakt auf sich hat – eine Flirtidee, eine besonders dreiste Form des angekündigten Taschendiebstahls? 

Hinter dieser Idee steht ein Mann, eine Erfahrung und viel Engagement. Juan Mann – Ein Interview mit ihm findet sich hier: www.philosophyblog.com.au/interview-with-juan-mann-free-hugs-campaign. 
Die offizielle Seite dazu: www.freehugscampaign.org

In aufrichtigen Berührungen fallen Distanzen zusammen, werden Unterschiede nivelliert und Menschen begegnen einander auf Augenhöhe. Berührungen betonen die eigene Verletzlichkeit genauso, wie die individuelle Macht, die man in sie hineinlegen kann. Das ist wichtig, denn es hat sich herausgestellt, „ … dass es die Kleinigkeiten sind, die das menschliche Leben ausmachen.“ (zitiert nach Karl L. Holtz in Short/Weinsprach 2010, 39) „Drück mich mal“ – schenke mir Deine Nähe … 

Zum Autor

Cem Ekmekcioglu ist Physiologe und lehrt und forscht am Zentrum für Public Health an der Medizinischen Universität Wien - http://zph.meduniwien.ac.at. Er befasst sich seit vielen Jahren mit Fragen zur Ernährung und zur gesunden Lebensweise. Sein Wissen teilt er in Büchern, wissenschaftlichen Arbeiten und Vorträgen – und auch auf seiner homepage: www.ekmekcioglu.at. Seine vielfältigen Interessen finden sich darauf ebenso dokumentiert, wie seine Bemühungen Menschen zu einem gesünderen Lebensstil zu verhelfen. 

Hau(p)tsache Berührung –Zum Inhalt des Buches

In fünf Kapiteln plädiert Cem Ekmekcioglu für einen bewussten Umgang mit Berührungen und der Mächtigkeit, die in ihnen steckt. Sein Ausgangsbefund: In unserer Gesellschaft herrscht Berührungsarmut bzw. Berührungslosigkeit – viele Menschen würden ihren technischen Geräten mehr Berührungen zukommen lassen, als den Menschen in ihrer Nähe (Stichwort: Touchscreens). Seine Grundüberzeugung lautet – „Berührung ist Leben“ und dementsprechend lautet auch die erste Kapitelüberschrift. In ihm legt er dar, welche Unterschiede es zwischen den fünf Sinnen gibt und zeigt, dass der Berührungssinn ein Sinn der Nähe ist (vgl. Ekmekcioglu 2015, 24). Der Berührungssinn (Tastsinn) ist ein reziproker Sinn, ein Sinn, der nur in beide Richtungen funktioniert – wer berührt, wird berührt: „Von unseren fünf Sinnen ist der Tastsinn außerdem der einzige, der ausnahmslos in beide Richtungen funktioniert.“ (ebd.) Dieser Bedeutung, die Berührungen für uns haben, genauer auf die Spur zu kommen ist Aufgabe des zweiten Kapitels. Es beschreibt Berührungsformen und führt auch den Begriff der Körpererinnerung ein. Es wird näher beschrieben, inwieweit „Berührung beruhigt“ (Ekmekcioglu 2015, 42) und welche Auswirkungen Berührungen auf Menschen haben können. „Berührungen sind extrem mächtig“ (Ekmekcioglu 2015, 55/56) – sie nehmen Einfluss auf unsere Stimmungen, Emotionen, Erinnerungen, sie tragen dazu bei, dass unser leid gelindert wird, sie sprechen das Unbewusste an und sind eine sehr direkt wirkende Unterstützung unserer Kommunikation. In diesem Kapitel kommen auch Phänomene zur Sprache, die vom Autor „der manipulative Touch“ genannt werden. Das dritte Kapitel greift den Ausgangsbefund wieder auf und vertieft das Thema der Berührungslosigkeit. In ihm spricht er von positiven und negativen Berührungserfahrungen und den Einfluss, den unsere frühen Berührungserfahrungen für unser weiteres Leben haben können. „Liebevolle Berührungen sind die Süße unserer Existenz: Aufgezwungene Berührungen bittere Lebertran in unserem Leben.“ (Ekmekcioglu 2015, 82) Die Mächtigkeit der Berührungen rührt an unserem Selbstbild und an unserer Identitätserfahrung. Berührungserfahrungen sind eng mit Körpererinnerungen verbunden und lösen demnach auch solche Erinnerungen wieder aus. Allgemeiner lenkt er unseren Blick auf sogenannte „high-touch und low-touch“ Kulturen und bringt damit die gesellschaftliche Perspektive in den Blick. Das nächste Kapitel liefert Anhaltspunkte für die These, dass Berührungsmangel tatsächlich krank macht. Cem Ekmekcioglu spricht hier auch von Einsamkeit und setzt Berührungsarmut und Einsamkeit in einen Zusammenhang: „Ein Mensch ist vor allem dann einsam, wenn seine Wünsche nach sozialen und körperlichen Kontakten nicht befriedigt werden. Mit der Einsamkeit kommen die emotionalen Probleme, von der Melancholie bis zu psychischen Erkrankungen.“ (Ekmekcioglu 2015, 23) Das abschließende Kapitel widmet sich dann ausführliche dem Geben und Nehmen von Berührungen. Es erwähnt die in der Einleitung vorgestellte Hugs-for-free Kampagne, es beschreibt Selbsterfahrungseminare zur Körperlichkeit, es lässt den Blick über Phänomen der Alltagskultur schweifen – Wie führen Menschen Beziehungen und welchen Stellenwert räumen sie dabei der Körperlichkeit ein? Was können Tiere als Therapeuten bewirken? Wie viel „drücken“ ist genug? – und bildet einen schönen Ausklang des Buches. Es betont aber auch: „Lieber keine Berührungen als falsche Berührungen.“ (Ekmekcioglu 2015, 178) Durch die ausführliche Darstellung des Zusammenhangs zwischen Berührungserfahrungen, Körpererinnerungen und der Macht von Berührungen ist sehr klar geworden, dass aufgezwungene Berührungen eine tiefe Verletzung der persönlichen Integrität und Identität bedeuten. 

Fazit

„Hätte ich nicht Momente von unbegründetem Optimismus in meinem Leben, ich könnte nicht weiterleben.“ (Reza 2002, 43) Umgelegt auf den Zusammenhang von Berührungen und Nähe, wie er in dem Buch von Cem Ekmekcioglu aufgebracht wird, könnte man sagen, dass Intimität und das Sich-Aufeinander-Einlassen wesentliche Komponenten eines gesunden Lebens sind – angenehme zärtliche Berührungen machen einen Gutteil des Optimismus aus, den wir Menschen so sehr brauchen um mit den Schwierigkeiten im Leben genauso klar zu kommen, wie mit dem Guten, das uns widerfährt. „Denken Sie einfach daran: Angenehme zärtliche Berührungen kosten nichts, bedürfen keines großen Kraftaufwands, sind an keinen Ort und keine Zeit gebunden und haben keine negativen Nebenwirkungen – ganz im Gegenteil.“ (Ekmekcioglu 2015, 182)

Cem Ekmekcioglu legt in seinem Buch sehr anschaulich dar, welche positiven Effekte Berührungen für uns haben, er macht sehr deutliche, was positive und negative Berührungserfahrungen für Bedeutungen für unser Wohlbefinden und vor allem für unser Selbstbild haben.

Dennoch kommen in seinem Buch auch ein paar Dinge zu kurz:
  • Gerade das Verhältnis von Intimität und körperlichen Berührungen wird nicht ausreichend expliziert. Das liegt zum einen sicherlich daran, dass es sich bei dem Buch um kein psychologisches Buch handelt. So fehlen in manchen Beispielen, die der Autor beschreibt, die Querverbindungen zur psychologischen bzw. sozialpsychologischen Forschung zu kurz. Gerade in den Passagen, in denen die körperlichen Auswirkungen von Berührungen besprochen werden, bietet sich die Diskussion von Lernformen (emotionale Konditionierung) oder Assoziationsphänomenen (Priming und Priming-Effekten) an. Zum anderen fehlt eine genaue Bestimmung von Begriffen wie Nähe oder eben Intimität. Diese Bestimmungen würden bei der Klärung helfen, was es braucht, um Berührungen zu geben und auch zulassen zu können. Das ausführliche 5. Kapitel („Berührungen bekommen und genießen“) bleibt in dieser Hinsicht leider zu vage. (Empfehlenswert ist daher die Vertiefung des Intimitätsbegriffs bei Ruland 2015) 
  •  Leider hat der Autor auf eine Anführung von Quellenverweisen im laufenden Text verzichtet – „aus Gründen der besseren Lesbarkeit“. Ich teile diese Ansicht nicht. Fußnoten sind eine sehr effiziente Art und Weise Ideen und Quellen transparent zu machen. Die vom Autor bevorzugte Methode ist nicht praktikabel, noch dazu, wo sich die Endnoten nach dem Literaturverzeichnis befinden. Darüber hinaus, werden die Autoren in den Endnoten alphabetisch angeführt, nicht der Reihe ihres Vorkommens nach – ob sich eine Quellenangabe überhaupt in den Endnoten findet, ist im Fließtext auch nicht ersichtlich. 
Dennoch: Cem Ekmekcioglu ist im wahrsten Sinne des Wortes sehr berührendes Buch gelungen. Die gedankliche Spange – beginnend mit „Alle Menschen brauchen angenehme Berührungen“ bis hin zum Schlusssatz, der uns dazu auffordert Berührungen zu schenken (Ekmekcioglu 2015, 9 und 182 – das Zitat befindet sich ebenfalls im Fazit – überzeugt. Das Buch ist ein Plädoyer für Nähe und was es braucht, diese Nähe auch zu zeigen. „Berührungen sind die Essenz des Lebens.“ (Ekmekcioglu 2015, 107) – und wo sie geteilt werden, herrscht Lebendigkeit, Vertrauen wächst und Distanzen werden überwunden. Das Buch lässt sich als Metapher dafür lesen, dass Berührungen Anderssein begreifbar werden lassen und dass wir dabei auch uns besser begreifen lernen. Unsere Körpererinnerungen und unsere Berührungserfahrungen konstituieren auch unsere Identität und wenn wir ein wenig mehr darauf achten, wie wir mit Berührungen umgehen, dann lernen wir auch ein wenig mehr darüber, was wir brauchen und was wir uns vielleicht vorenthalten. Und wir das besser verstehen, dann kann es leicht möglich sein, dass wir lernen, was wir anderen mit unseren angenehmen, zärtlichen Berührungen an Freude und Anerkennung schenken könnten. Cem Ekmekcioglu hat mit seinem Buch einen sehr schönen Anstoß gegeben, sich der Macht der Berührungen bewusst zu machen und für seine Mitmenschen öfter offene Arme zu haben.

Harald G. Kratochvila, Wien

Verwendete Literatur:

Reza, Y. (2002 [1997]). Hammerklavier - Eine Sonate. München (GER), List Taschenbuch

Ruland, T. (2015). Die Psychologie der Intimität - Was Liebe und Sexualität miteinander zu tun haben. Stuttgart (GER), Klett-Cotta

Short, D. und C. Weinsprach (2010 [2007]). Hoffnung und Resilienz - Therapeutische Strategien von Milton H. Erickson. Heidelberg (GER), Carl-Auer Verlag