Mittwoch, 17. Juni 2015

Integrative Psychotherapie in der Praxis - Eine Rezension zum aktuellen Buch von Rainer Matthias Holm-Hadulla


Holm-Hadulla, R. M. (2015). Integrative Psychotherapie - Zwölf exemplarische Geschichten aus der Praxis. Stuttgart (GER), Klett-Cotta
 
Das Buch wurde freundlicherweise vom Klett-Cotta Verlag zur Verfügung gestellt – www.klett-cotta.de

Rezensent: Mag. Harald G. Kratochvila (Wien)

Stichworte: Psychotherapie, , Psychotherapieforschung, Leid, Lebensform, Verhaltenstherapie, Psychoanalyse, Fallgeschichten, Lebenskompetenz 

Integrative Psychotherapie – Aus der Praxis, für die Praxis

Rainer Matthias Holm-Hadulla bringt in seinem aktuellen Buch einen Gedanken zur Sprache, der sich sicherlich vielen Menschen aufdrängt, die sich mit sich und anderen Menschen beschäftigen: „Unterstützende Beziehungen begleiten das gesamte Leben.“ (Holm-Hadulla 2015, 122) Diese Beziehungen manifestieren sich in Gesprächen und stehen für den Austausch von Werten und Wertschätzungen.
In diesen Gesprächen kommen immer wieder Geschichten zur Sprache, in die wir unser eigenes Leben kleiden, oder in die unser Leben von anderen verdichtet wird. Für manche Psychotherapeuten, ist dieses In-Geschichten-Verdichten von Leben und Lebensereignissen ein menschliches Grundbedürfnis: „I believe all of us try to make sense of our lives by telling our stories.“ (Grosz 2014, 9)

Psychotherapie stellt für immer mehr Menschen einen gangbaren Weg zu einem integren Leben, zu einem bewusst gestalteten Leben dar. Psychotherapie als ganz besondere Wachstumsmöglichkeit – als ein Raum, in dem es möglich wird, unter Anleitung neue Perspektiven zu erarbeiten und mit Fehlurteilen und Fehlverhalten besser umgehen zu lernen. – Rainer Matthias Holm-Hadulla spricht in diesem Zusammenhang auch von „Resonanzräumen“. Psychotherapie findet demnach in diesen dialogischen Resonanzräumen statt - Egon Fabian führt konsequenterweise diese beiden Aspekte in seiner Definition der Ziele von Psychotherapie an: Leidensminderung und persönliches Wachstum - “Wenn das Ziel einer erfolgreichen Psychotherapie nicht nur in der Linderung von Leid und Konflikten besteht, sondern auch das innere Wachstum des Patienten fördern soll, dann muss der Patient allmählich lernen, sich über seine eigenen Probleme zu erheben bzw. diese aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.“ (Fabian 2015, 118)

Fallgeschichten aus der Psychotherapie sind Modelle dafür, wie es anderen Menschen gelingt, ihre Probleme zu bewältigen, beziehungsweise, wie es Menschen gelingt, andere dabei anzuleiten, Leidensminderung und persönliches Wachstum zu erreichen. Psychotherapeutische Erfolgsgeschichten – Fallbesprechungen, systematisch aufgearbeitet – bieten daher eine wertvolle Quelle an den Veränderungsprozessen anderer Menschen teilzuhaben. Dabei gilt aber: „Heute ist weniger interessant, was ein Patient in einem Vorher-Nachher-Vergleich an Veränderungen zu erkennen gibt als vielmehr der Prozess der psychotherapeutischen Veränderung selbst. Wie viel trägt die gewählte psychotherapeutische Methode zur Veränderung bei, inwieweit ist diese der Persönlichkeit des Psychotherapeuten zuzuschreiben.“ (Körner 2015, 14)

Diesen Prozess sichtbar zu machen ist eine Kunst für sich – je nach intellektueller Ausrichtung lässt sich das über den Weg der Psychotherapieforschung, der psychotherapeutischen Fallsammlung, oder der literarischen Verfremdung individueller Fälle erreichen. Allen diesen Versuchen gemeinsam ist das – nicht immer ausdrücklich formulierte – Bemühen, der Wirkungsweise von Psychotherapie auf die Spur zu kommen – in der Fachliteratur finden sich dementsprechend Auflistungen möglicher Faktoren: „In der Prozess- und Outcome-Forschung werden vier bedeutsame Wirkfaktoren unterschieden, die den Therapieerfolg erklären: a) extratherapeutische Faktoren, wie die soziale Unterstützung durch das Umfeld … b) allgemeine Wirkfaktoren, beispielsweise die therapeutische Beziehung und die Empathie des Therapeuten … c) Erwartungen an den Therapeuten bzw. die Persönlichkeit des Therapeuten … und d) methodenspezifische Techniken bzw. Wirkfaktoren.“ (Hau et al. im Erscheinen) 

Es gibt aber auch das Interesse, Psychotherapie als Kulturtechnik selbst, in den Blick zu bekommen – die Soziologin Eva Illouz hat sich der Psychotherapie sehr kritisch genähert und dabei zahlreiche empirischer Befunde durch eine kritisch-soziologische Perspektive analysiert. Auch wenn sie mit einem skeptischen Befund ihre Untersuchung beschlossen hat – die Auseinandersetzung lohnt sich, um das Profil der Psychotherapie schärfen zu können. 

Dennoch: Aus der großen Bedeutung menschlicher Beziehungen und Gespräche folgt aber nicht notwendigerweise der passende Verfahrensmodus für Psychotherapie – „Die psychotherapeutische Beziehung stellt einen Spezialfall dar, indem die positiven Aspekte persönlicher Beziehungen systematisch genutzt werden: Vertrauen, Offenheit, Einfühlung, Verständnis und Wertschätzung.“ (Holm-Hedulla 2015, 122) Das Buch ist eine Darlegung einer besonderen Form von Psychotherapie. 

Zum Autor

Rainer Matthias Holm-Hadulla kann auf ein breites Interessens- und Ausbildungsspektrum zurückgreifen. Er ist Professor für Psychotherapeutische Medizin, Facharzt für Psychiatrie, Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Leitender Arzt der Psycho-Sozialen Beratungsstelle für Studierende an der Universität Heidelberg, Gastprofessor an der Universidad Diego Portales in Santiago de Chile, Fellow am internationalen Kolleg "Morphomata" am Center for Advanced Studies der Universität zu Köln, Fellow am "Marsilius-Kolleg" am Center for Advanced Studies der Universität Heidelberg, Gastprofessor an der Pop-Akademie Baden-Württemberg in Mannheim. Details finden sich hier: www.holm-hadulla.de 

Aufbau des Buches und das das ABCDE-Modell der integrativen Psychotherapie

Das Buch ist in zwei Teile gegliedert – im ersten Teil werden 12 Behandlungsgeschichten erzählt, die jeweils in den Rahmen einer konkreten Problemstellung gestellt werden – so ist die erste Geschichte mit dem Titel „Belastungsreaktion“, die elfte mit dem Titel „Psychotische Episoden“ überschrieben. In den Geschichten finden sich viele relevante Themen besprochen, die einerseits das Feld der Psychotherapie so spannend gestalten und andererseits die vielen Menschen großes Leid verschaffen – Depressionen, Ängste, Anpassungsstörungen, Psychosomatische Beschwerden. 

Die Geschichten werden vom Autor um sein ABCDE-Modell der integrativen Psychotherapie gegliedert, das den Kern der psychotherapeutischen Intervention ausmacht. Dieses Modell wird im zweiten Teil des Buches beschrieben. Die Geschichten stehen inhaltlich alle für sich und können auch einzeln gelesen werden – das ABCDE-Modell sollte dennoch an erster Stelle gelesen werden, um die therapeutischen Interventionen und den Verlauf der Geschichten nutzbringender lesen zu können.

Zu den grundlegenden Einsichten für sein ABCDE-Modell verweist Rainer Matthias Holm-Hadulla auf zwei wichtige Ideengeber – auf Arnold A. Lazarus mit seinen Überlegungen zum „technischen Eklektizismus“ und auf Jerome Frank, der Psychotherapie als komplexe Gesprächs- und Verstehkunst aufgefasst und dementsprechend in seinen Büchern ausgearbeitet hat. 

Das Modell selbst umfasst die Gestaltung der therapeutischen Beziehung (alliance – A), die Modifikation unangemessenen Verhaltens (behavior – B), die Klärung dysfunktionaler Einstellungen (cognition –C), die Erhellung der unbewussten Konfliktdynamik (dynamics – D) und das Verstehen und die Kommunikation als existentielle und kreative Aufgabe (existentials – E). (Holm-Hadulla 2015, 120-121) 

Fazit

Was zu kurz gekommen ist lässt sich anhand dreier Beispiele festmachen:

a) eine systematische Auseinandersetzung mit dem Eklektizismus
Nach dem Verständnis des Autors steht der Begriff des Eklektizismus vor allem für die positive „Integration von Elementen, die sich in den verschiedenen Schulen als hilfreich erwiesen haben.“ (Holm-Hadulla 2015, 118). Weit geteilt ist die Ansicht, dass es im Eklektizismus vor allem um die Zusammenfügung von verschiedenen Versatzstücken aus unterschiedlichen Theorien und Systemen geht. (beispielhaft https://de.wikipedia.org/wiki/Eklektizismus) Selbst wenn man der Pragmatik dieser Integration Plausibilität zugesteht bleiben dennoch viele Fragen offen. So befreit die eklektische Zusammenführung verschiedener Teile ja nicht von einem allgemeinen Verständnis des Ganzen, zu dem man diese Teile zusammenfügt; sprich: die Integration alleine ergibt noch keine Beschreibung des Fundaments, auf das man sein Denken und Handeln gründet. Desweiteren ist nicht klar, inwieweit sich diese Integration widerspruchsfrei, d.h. konsistent durchführen lässt – mit jedem Versatzstück holt man sich ja auch bestimmte Grundannahmen und Implikationen in das neue Ganze. Drittens ist nicht ganz klar, wie die theoretische und praktische Weiterentwicklung des neuen Ganzen vonstatten gehen soll – Theorien werden an ihrer Kraft gemessen, Voraussagen und Erklärungen für bestimmte Phänomene zu liefern – die Falsifikationen an der Erfahrung erfordern Reformulierungen der theoretischen Annahmen.

b) die Chancen der modernen Psychotherapieforschung
Dokumentation und transparente Nachvollziehbarkeit der Diagnose und der Therapieplanung, sowie des Therapiefortschritts sind integrale Bestandteile einer transparenten Psychotherapieforschung. Dieser Transparenz kommt der Autor in seinen Fallgeschichten nur bedingt nach. Das strukturierte Vorgehen ist aber sehr wohl dazu geeignet, auch dem wissenschaftlichen Interesse zu dienen – schade, dass dieser Aspekt zu kurz gekommen ist.

c) Lernen am Misserfolg
Leider kommt auch in diesem Buch der Misserfolg viel zu kurz – es werden ausschließlich Erfolgsgeschichten erzählt. Dabei sind es nachgewiesenermaßen die fehlerbehafteten Bemühungen, aus denen der größte Lernerfolg gezogen werden kann. Fallbesprechungen, die nur erfolgreich absolvierte Interventionen nachzeichnen, erlauben kein Lernen aus Fehlern oder aus der fehlenden Passung zwischen Therapeuten/Therapierichtung und Patient/Problemstellung. Die Hinweise des Autors, dass manche Patienten eine längerfristige Therapie zur Erarbeitung ihres Therapieziels benötigen würden, lässt Fehler und Fehlpassungen nur bedingt transparent werden.

d) Alternative Darstellungsformen von Psychotherapie
Das Buch verfolgt das Ziel, das ABCDE-Modell in der psychotherapeutischen Praxis vorzustellen. Dieses Ziel erreicht der Autor vollends. Was dabei aber etwas zu kurz kommt ist, welche anderen Möglichkeiten es gibt, psychotherapeutisches Wissen zu vermitteln, oder noch spitzer formuliert: Was fehlt ist die Begründung dafür, weshalb psychotherapeutische Fallgeschichten Möglichkeiten des Wissenserwerbs darstellen und wie sich diese Form zu anderen Formen der Darstellung psychotherapeutischer Interventionen verhält. (vgl. Grosz 2014, Jupiter 2012, Rolón 2014)

e) Zur Theorie des Therapieziels
Gerade in der Psychotherapie bietet die Selbstbestimmtheit in der Zielformulierung einen konkreten Anlass, sich über die inhaltliche Ausrichtung des zugrunde gelegten Psychotherapiemodells klarer zu werden. Die Integration verschiedener, sich über die unterschiedlichen Schulen hinweg bewährenden, Techniken alleine, löst nicht die Frage nach der adäquaten Formulierung des Therapieziels. Standardisierte zielorientierte Veränderungsmessungen sind aber nachgewiesenermaßen ein notwendiger und wichtiger Schritt zur Professionalisierung und Akademisierung von Psychotherapie durch Psychotherapieforschung (vgl. Watzke et al. 2014)

Alles in allem ein gelungenes Buch, von dem ich mir einen ausführlicheren zweiten Teil gewünscht hätte. Die Fallgeschichten selbst bleiben hingegen erzählerisch blass – die Veränderungen auf Patientenseite blieben großteils intransparent, die Schilderung des Therapieverlaufs aus Sicht des Therapeuten kann diesen Mangel nicht kompensieren. So stellt sich beim Lesen nicht das Gefühl ein, man wäre dabei, man wäre Teil des psychotherapeutischen Gesprächs. Es kommt eher einer Erzählung aus dem beruflichen Alltag gleich – so war es bei mir …

Harald G. Kratochvila, Wien

Verwendete Literatur:

Fabian, E. (2015). Humor und seine Bedeutung für die Psychotherapie. Gießen (GER), Psychosozial Verlag

Grosz, S. (2014 [2013]). The Examinded Life - How We Lose and Find Ourselves. London (UK), Vintage Books

Hau, C. et al. (im Erscheinen). Vergleich therapeutenspezifischer Wirkfaktoren im psychoanalytischen, psychoanalytisch orientierten und kognitiv-verhaltenstherapeutischen Therapieprozess der Depression. Psychotherapie Forum (DOI 10.1007/s00729-015-0030-y)

Illouz, E. (2011 [2008]). Die Errettung der modernen Seele - Therapien, Gefühle und die Kultur der Selbsthilfe. Frankfurt/Main (GER), Suhrkamp Verlag

Jupiter, E. (2012). Die Angst vor Jakob - Psychotherapeutische Geschichten. Wien (AUT), Picus Verlag

Kottler, J. (2015). Stories, We've Heard, Stories, We've Told - Life Changing Narratives in Therapy and Everyday Life. New York, NY (USA), Oxford University Press

Körner, J. (2015) Psychotherapeutische Kompetenzen. Ein Praxismodell zu Kompetenzprofilen in der Aus- und Weiterbildung. Wiesbaden (GER), Springer Fachmedien Wiesbaden

Rolón, G. (2014 [2007]). Auf der Couch - Wahre Geschichten aus der Psychotherapie. München (GER), Btb Verlag

Watzke, B. et al. (2014) Zielorientierte Veränderungsmessungen als Möglichkeit einer individualisierten Ergebnisevaluation in der Psychotherapie. Zeitschrift für Psychiatrie, Psychologie und Psychotherapie 62(2): 113-121

Montag, 15. Juni 2015

Über das Glück und darüber hinaus - Eine Rezension zum aktuellen Buch von Frédéric Lenoir "Über das Glück"



Lenoir, F. (2015 [2013]). Über das Glück - Eine philosophische Reise. München (GER), Deutscher Taschenbuch Verlag

Das Buch wurde freundlicherweise vom verlag zur Verfügung gestellt: www.dtv.de
Zur Verlagsseites des Buches: www.dtv.de/buecher/ueber_das_glueck_26074.html

Rezensent: Mag. Harald G. Kratochvila (Wien) 

Stichworte: Glück, Zufriedenheit, Philosophie, Verlust, Lebenskompetenz, Rezension 

Auf der Suche nach dem Glück und der Weg der Philosophie



http://www.dtv.de/_cover/165/ueber_das_glueck-9783423260749.jpgWas, wenn das Leben von einem Moment auf den anderen seine bisherige Form verliert und man das Gefühl hat, die Bedeutung des bisherigen Lebensvollzuges zerrinnt zwischen den Fingern oder wird brüchig – eine solche Erfahrung wird im neuen Theaterstück von Peter Handke beschrieben: „Vor zwei Jahren ist mir von einem Moment zum anderen alles gleichgültig geworden, und damit begann die schrecklichste Zeit meines Lebens.“ (Handke 2015, 107)

Gleichgültigkeit und Glück scheinen definitiv nicht zueinander zu passen – und das Changieren zwischen diesen beiden Extremen ist mit endlosen Mühen verbunden - „Unser Weg baut sich aus Verlusten, die heimlich zu Gewinnen werden.“ (Martin Buber zitiert nach Bennent-Vahle 2011, 111) Daran schließen sich einige Fragen an: Ist das Glück etwas, das einem plötzlich zustoßen kann, ist es so etwas, wie eine Erkenntnis zu der man gelangen könnte? Oder ist es mehr, wie Schmerz, der präsent ist oder eben nicht – eine Kategorie des Bewusstseins? Eine erste Annäherung dazu lässt sich bei William Shakespeare finden. Er legt einem seiner Figuren den Satz in den Mund: “An sich ist kein Ding weder gut noch schlecht; das Denken macht es erst dazu.“ (zitiert nach Watzlawick et al. 1994, 119)
Das Glück ist also zunächst einmal eine Denkkategorie. Aber ist es eher ein Problem, oder doch die Lösung eines Problems? „In science, finding the right formulation of a problem is often the key to solving it …“ (Hawking 2013, 106) Es scheint viel von der Formulierung des Sachverhalts abzuhängen, welche Schlüsse sich daraus ziehen lassen. Beim Psychologen und Psychotherapeuten Paul Watzlawick findet sich eine wichtige Unterscheidung dazu – die Unterscheidung zwischen Schwierigkeiten und Problemen. Schwierigkeiten und Probleme umfassen zwei voneinander zu unterscheidende Möglichkeits- und damit Lösungsräume – bei Schwierigkeiten sind Lösungen systemimmanent möglich (sogenannte Wandlungen 1. Ordnung), bei Problemen sind Lösungen nur außerhalb des Systems möglich (Wandlungen 2. Ordnung) (vgl. Watzlawick et al. 1994, 58)

Ähnliche Begriffe mögen vielen vertraut sein: Problemtrance, Lösungstrance, Problemhorizont, Lösungshorizont – die systemische Psychotherapie verwendet diese Begriffe und Vorstellungen, um darauf aufmerksam zu machen, dass es oftmals der eigene Denkrahmen ist, der Probleme und Lösungen vorgibt – in der Lösungsfokussierten Kurzzeittherapie wird aber ein gewisser Unterschied zwischen Problem und Lösung gesehen: „Die Lösung hängt nicht zwangsläufig mit dem Problem direkt zusammen.“ (de Shazer/Dolan 2011, 23)
Die Reise zum Glück scheint eine philosophische zu werden … 

Zum Autor – Frédéric Lenoir

Frédéric Lenoir ist ein sehr breit interessierter Mann – der eigenen Beschreibung von ihm folgend ist er Philosoph, Soziologe, Religionshistoriker, Forschungsmitarbeiter an einer renommierten französischen Hochschule, dem EHESS - l’Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales - http://www.ehess.fr (auch diese Seite ist zum Teil auf Englisch verfügbar). Er gestaltet eine wöchentliche Radiosendung, schreibt Essays, Romane, Kurzgeschichten, Theaterstücke, Comics und vieles mehr. Auf seinem Internetauftritt: www.fredericlenoir.com finden sich eine Fülle an Informationen zu seiner Person und seinen vielfältigen Tätigkeiten – die französische Hauptseite ist sehr umfangreich, die englischsprachigen Beiträge dagegen sehr kursorisch.
Ein in Französisch geführtes Interview findet sich hier( leider finden sich keine Videos in Deutsch oder Englisch): http://www.dailymotion.com/video/x16knv9_frederic-lenoir-le-bonheur-c-est-aimer-la-vie_news 

Das Glück im Kaleidoskop (Aufbau des Buches)

Das Leben und insbesondere das Glück sind vielfältig und vielfarbig – viele Aspekte sind dabei zu berücksichtigen, will man sich ihnen nähern, und sie schlussendlich in den Griff zu bekommen. Diesen Zugang hat auch Frédéric Lenoir in seinem aktuellen Buch über das Glück gewählt, „[d]enn Glück hängt von vielerlei Faktoren ab, die gar nicht so leicht auseinanderzuklamüsern sind.“ (Lenoir 2015, 8) In 21 Kapiteln, die manchmal nur wenige Seiten umfassen, lenkt der Autor unseren Blick auf die unterschiedlichen Facetten des Glücks. Jedes Kapitel wird mit einem Zitat begonnen, das auf den Kapitelinhalt einstimmen soll. Bereits in der Überschrift des ersten Kapitels findet sich die Essenz des Buches formuliert – „Das Leben lieben, das man führt“. Als literarische Unterstützung findet sich ein Zitat von Jean Giono: „Es gibt kein Menschenleben, wie bescheiden oder elend es auch sein möge, das nicht tagtäglich die Möglichkeit zum Glück hätte: Um letzteres zu erreichen, brauchen wir nur eines: uns selbst.“ (Lenoir 2015, 18) Manche wird das auch an den wunderbaren Film von Roberto Benigni - La vita è bella (1997), erinnern – zu Recht und auch eine gute Gelegenheit sich den Film nochmals anzusehen.

Aber zurück zum Buch: Was genau wir dazu beitragen können, die tagtäglichen Möglichkeiten des Glücks für uns zu nutzen, ist Gegenstand der folgenden Kapitel. Dabei spielt die These, dass uns unser Innenleben glücklich oder unglücklich mache eine bedeutende Rolle. (vgl. Lenoir 2015, 59) An dieser Stelle prägt der Autor auch erstmals den Begriff von der Arbeit am eigenen Innenleben. Diese Arbeit verläuft dabei – folgt man den Ausführungen des Autors – entlang drei großer Weisheitspfade – Erstens: die Umwandlung des Verlangens. Zweitens: das gelöste Einhergehen mit dem Leben. Und drittens: die freudvolle Befreiung des Ich. (vgl. Lenoir 2015, 122). 

Das Beschreiten dieser Pfade wird als eine individuelle Angelegenheit beschrieben – „Jeder muss sich selbst erforschen, um herauszufinden, was ihn glücklich oder unglücklich macht, was ihm guttut oder nicht, was seine Freude steigert und seine Unlust vermindert.“ (Lenoir 2015, 175) Diese Pfade führen am Ende zu einer ganz besonderen Lichtung – einer Lichtung, die als unser tiefster Wesensgrund verstanden wird. Glücklich sein heißt – nach Frédéric Lenoir – „mit unserem tiefsten Wesensgrund mitschwingen.“ (Lenoir 2015, 199). 

Fazit – „Weil jeder seine Welt im Herzen trägt“ (Lenoir 2015, 192)

Geht man nach dem Philosophen Ludwig Wittgenstein, der von vielen Interpreten immer wieder als Gewährsmann für die Vorstellung vom Leben als Lebensform bemüht wird, die ihre Form vor allem durch die Konstruktion von Sinn gewinnt, dann wäre die Sache mit dem Glück eine ziemlich einfache: „Die Lösung des Problems des Lebens merkt man am Verschwinden dieses Problems.“ (zitiert nach Watzlawick et al. 1994, 77) Offenbar kommt der Bedeutung – vor allem den Wortbedeutungen – eine große Rolle zu, wenn es um das nähere Verständnis dieser scheinbaren Tautologie geht. In der aktuellen Psychologie begegnet man einem vielversprechenden Ansatz zur Klärung von Bedeutungen. So schreibt etwa der deutsche Psychologe Peter Michael Bak: „Bedeutung ist demnach der Erkenntnisschlüssel zu uns und zu anderen. Daraus lässt sich auch eine ethische Komponente von Bedeutung ableiten. Wenn wir unsere Bedeutungen kennen, kennen wir uns. Und es zeigt uns die Möglichkeiten auf, unser Leben so oder anders zu gestalten. Gleichzeitig sind wir bei der Beurteilung und Bewertung der uns umgebenden Menschen und Situationen zur Vorsicht gemahnt. Deren Erleben und Verhalten lässt sich nur aus deren Bedeutungssystem ableiten, was zu kennen uns verwehrt bleiben wird. Dies im eigenen Erleben und Verhalten zu berücksichtigen mag tatsächlich eine der besten Möglichkeiten darstellen, die Menge ähnlicher Welt-Bedeutungen zu erweitern und dadurch die Chance auf gegenseitiges Verständnis und eine friedvolle Koexistenz der Bedeutungsgeber zu erhöhen.“ (Bak 2012, 9) Wenn Bedeutung ein wichtiger Erkenntnisschlüssel zum Verständnis des Lebens ist, dann ist er es auch ein wichtiger Erkenntnisschlüssel zum Verständnis des Glücks. Frédéric Lenoir beschreibt das Glück als die Fähigkeit das Leben zu lieben: „Glücklich sein heißt, das Leben zu lieben, das ganze Leben: mit all seinen Höhen und Tiefen, seinen lichten und dunklen Zeiten, seinen Freuden und seinen Schmerzen.“ (Lenoir 2015, 193)

Dieser Sentenz nähert er sich durch die Verknüpfung vieler unterschiedlicher Aspekte, die er aus den Schriften von Philosophen und anderer Schriftsteller extrahiert. Heraus kommt ein Destillat, das gleichwohl vielfarbig schillert, das aber analytisch – wenn man sich dem Phänomen des Glücks kritisch nähern möchte – wenig mehr hergibt, als die Aufzählung mehr oder minder bekannter Zitate bekannter Philosophen.
Leider bleibt damit nicht mehr als ein leicht lesbares Kompendium altbekannter Weisheiten, gespickt mit persönlichen Bemerkungen.

Der ausformulierten Essenz des Buches – Glück stelle sich ein, wenn wir die Arbeit an unserem Innenleben vorantrieben und dabei drei wesentliche Aufgaben bewältigen könnten, nämlich Selbsterkenntnis, die Beherrschung unserer Wünsche und die Befriedung unserer störenden Emotionen oder irreführenden Gedanken (vgl. Lenoir 2015, 198) – lässt sich am Ende wenig entgegenstellen – aber auch wenig entnehmen. Über das Glück haben französische Autoren schon Brauchbareres zu erzählen verstanden – ich denke da an das wunderbare Buch von Hectors Reise (Lelord 2015). Dennoch – was über das Reisen gesagt wurde: „Reisen heißt leben. Jedenfalls doppelt, dreifach, mehrfach leben“ (Stasiuk 2008, 39), lässt sich auch auf das Lesen anwenden – Lesen heißt Leben. Das Buch von Frédéric Lenoir bietet – trotz aller Schwächen – eine gute Reflexionsmöglichkeit der eigenen Glücksvorstellungen. Vielleicht sollte man dabei auch überlegen, ob Glück überhaupt eine persönliche Zielvorstellung sein kann – ganz im Sinne von: „Ich habe niemals eine Zielvorstellung gehabt. Ich bin ein Weg und kein Ziel.“ (Daniel Libeskind, verantwortlich für den Wiederaufbau von „Ground Zero“ zitiert nach Virilio 2010, 22)

Aber am Ende wird es wohl auf so etwas wie die Bemerkung des amerikanischen Psychoanalytikers Stephen Grosz hinauslaufen: „I believe that all of us try to make sense of our lives by telling our stories …” (Grosz 2014, 9) Lebenskompetenz, so wie ich sie verstehe, ist die Fähigkeit mit dem Leben und dem, was das Leben uns zu bieten hat, eigenständig umgehen zu können. Es ist einer geschickten Autorenschaft gleich, mit der wir unserem Leben Sinn geben, indem wir es als unsere persönliche Geschichte verstehen.

Harald G. Kratochvila, Wien

Verwendete Literatur:

Bak, P. M. (2012). "Über das Wesen von Bedeutung." Philosophie der Psychologie.

Bennent-Vahle, H. (2011). Glück kommt von Denken - Die Kunst, das eigene Leben in die Hand zu nehmen. Freiburg/Breisgau (GER), Verlag Herder

de Shazer, S. und Y. Dolan (2011 [2007]). Mehr als ein Wunder. Lösungsfokussierte Kurztherapie heute. Heidelberg (GER), Carl-Auer-Systeme Verlag

Grosz, S. (2014 [2013]). The Examinded Life - How We Lose and Find Ourselves. London (UK), Vintage Books

Handke, P. (2015). Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße - Ein Schauspiel in vier Jahreszeiten. Berlin (GER), Suhrkamp Verlag

Hawking, S. W. (2013). My Brief History. New York, NY (USA), Bantam Books

Lelord, F. (2015 [2002]). Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück. München (GER) & Zürich (SUI), Piper Verlag

Stasiuk, A. (2008 [2006]). Fado - Reiseskizzen. Frankfurt/Main (GER), Suhrkamp Verlag

Watzlawick, P., et al. (1994 [1974]). Lösungen - Zur Theorie und Praxis menschlichen Wandels. Bern (SUI), Verlag Hans Huber

Virilio, P. (2010 [2009]). Der Futurismus des Augenblicks. Wien (AUT), Passagen Verlag

Freitag, 12. Juni 2015

Das Werbe-Märchen auf der Couch

Eine Rezension zu:

Imdahl, I. (2015). Werbung auf der Couch - Warum Werbung Märchen braucht. Freiburg im Breisgau (GER), Verlag Herder

Das Buch wurde freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt: www.herder.de

Die Buchseite des Verlages:
www.herder.de/buecher/psychologie_lebensfragen/detailseiten/Werbung-auf-der-Couch.32967.html


Rezensent: Mag. Harald G. Kratochvila

Stichworte: Werbung, Marketing, Märchen, Psychologie, Werbepsychologie, Wirtschaftspsychologie, Medienkompetenz

Werbung als gesellschaftliche Kommunikation über Bedeutung

http://www.herder.de/elvis_img/herder/titel/cover/0004304164_0001_170.jpg„We should work on our processes, not the outcome of our processes.” (der Pysiker W.E. Deming zitiert nach Sturm et al. 2011, 73)
In unserem gesellschaftlichen Alltag spielt Werbung eine nicht zu vernachlässigende Rolle – am Weg zu Arbeit entkommen wir kaum den affichierten Werbebotschaften oder Werbelogos, beim Zeitunglesen ist der redaktionelle Teil in manchen Medien kaum von PR-Texten unterscheidbar und selbst wenn wir versuchen mit dem eigenen Smartphone der Hektik des Alltags zu entkommen, nutzen wir dafür in vielen Fällen werbeunterstütze Apps und Programme. Im Sinne des oben angeführten Zitats scheinen wir gut daran zu tun, uns mehr mit den Prozesses und Entwicklungen auseinanderzusetzen, die unseren Alltag strukturieren. Werbung und die Art und Weise, wie Werbung den gesellschaftlichen Alltag gestaltet, hat sehr viel mit der Frage zu tun, wie Kommunikation Wirklichkeit ist, bzw. Wirklichkeit wird. Der Ausgangspunkt liegt klar auf der Hand: „Die Wirklichkeit der Alltagswelt teilen wir mit den Anderen.“ (Berger/Luckmann 2013, 31) Diese geteilte Wirklichkeit ist also eine Form der Interaktion – und diese Interaktion kann mehr oder minder anonym verlaufen: „Die Typen gesellschaftlicher Interaktion werden in steigendem Maße anonymer, je weiter die Interaktion von der Vis-à-vis-Situation entfernt ist.“ (Berger/Luckmann 2013, 34) Werbung begegnet uns eher selten in der erwähnten Vis-à-vis-Situation – zumeist sind wir Empfänger von werblicher Massenkommunikation – in Inseraten, Radio- oder Fernsehspots, Straßenevents usw. „Die Lebenswelt ist … von Anbeginn intersubjektiv. Sie stellt sich mir als subjektiver Sinnzusammenhang da; sie erscheint mir sinnvoll in Auslegungsakten meines Bewußtseins; sie ist nach meinen Interessenslagen etwas zu Bewältigendes, ich projiziere in sie meine eigenen Pläne und sie leistet mir Widerstand bei der Verwirklichung meiner Zweck, wodurch manches für mich durchführbar, anderes undurchführbar ist.“ (Schütz/Luckmann 2003, 44) 

Zur Autorin

Ines Imdahl ist Diplompsychologin und Gründerin der Marktforschungsagentur rheingold salon - www.rheingold-salon.de – zusammen mit ihrem Mann Jens Lönneker führen sie ein knapp 15 köpfiges Team. Einem breiteren Publikum bekannt wurde sie durch ihre Kolumnen im Handelsblatt, in denen sie sich mit Werbung und Werbewirkung auseinander gesetzt hat: www.handelsblatt.com 

Märchenprinzipien in der Werbung (Aufbau des Buches)

In den sieben Buchkapiteln führt uns die Autorin von der Allgegenwart der Werbung über die Gemeinsamkeiten von Werbung und Märchen hin zu den Wirkmechanismen von Märchen und wie sie für Werbung nutzbar gemacht werden könnten. Als erfahrene Werberin und Werbeberaterin liefert sie in vielen anschaulichen Beispielen auch gute Möglichkeiten, Werbung und Märchen in Beziehung zu setzen. 
Ines Imdahl geht von einer Omnipräsenz von Werbung in unserer Gesellschaft aus. Diese Allgegenwart prägt Werber und Werbekonsumenten gleichermaßen. Sie plädiert in ihrem Buch dafür, dass Werbung noch effektiver gestaltet werden können, wie sie auf bestimmte Prinzipien zurückgreifen würde – Prinzipien, wie sie sich beispielsweise in Märchen expliziert finden: „Werbung kann uns berühren, wenn sie sich die Prinzipien und Wirkmechanismen von Märchen zunutze macht. Bei genauerer Betrachtung ist sie – richtig eingesetzt – sogar eine moderne Fortschreibung der Märchen.“ (Imdahl 2015, 34)
Märchen werden von der Autorin als tradierte Erzählungen gesehen, die den Menschen Orientierungshilfe bei existenziellen Problemen liefern – Probleme, die in ihrer Zeitlosigkeit als anthropologische Konstanten gesehen werden können: „Denn Märchen bebildern und bearbeiten existenzielle Probleme und grundlegende Konflikte unseres Lebens: das Böse genauso wie das Gute, das Erwachsenwerden, das Altern und das Sterben. Die Sehnsucht nach dem ewigen Leben, die Suche nach Liebe, die Vermeidung von Festlegungen und die Auseinandersetzung mit dem, was man werden will und wie man sich entwickeln und verändern möchte.“ (Imdahl 2015, 44)

Die Faszination von Märchen und ihrem lebensorientierenden Charakter gilt es nun  aus Sicht der Autorin – auch für die Gestaltung von Werbung nutzbar zu machen. Im Kern des Buches stehen daher märchenanaloge Prinzipien und ihre Einsatzmöglichkeiten in der Werbung.
Sechs dieser märchenanaloger Prinzipien werden vorgestellt: Zum einen die „verdichtende Zusammenfassung in Form von Sprüchen“, dann die „Magie der Verwandlung“, „[d]ie Geschichten der Helden und die Identifikation mit modernen Heldentaten“, die „Faszination des Bösen“, die „Kraft der Wiederholung und die Magie der Zahl Drei“ und zuletzt „das Happy End“. „Durch die Nutzung märchenanaloger Prinzipien kann die Werbung faszinierender und bewegender werden. Märchenprinzipien zeigen, wie Werbung heute Geschichten erzählen muss und ihre Funktion als modernen Märchenerzähler wahrnehmen kann.“ (Imdahl 2015, 197)

Im Buch findet sich auch ein Kapitel, das die beschriebenen märchenanalogen Prinzipien mit Produktbereichen in Zusammenhang bringt – somit wird anschaulich gemacht, welches Potenzial die Autorin in Märchen vermutet. 

Fazit

„Ich gehe davon aus, dass menschliche Gruppen aus handelnden Personen bestehen. Dieses Handeln besteht aus den zahlreichen Aktivitäten, die die Individuen in ihrem Leben ausüben, wenn sie mit anderen Individuen zusammentreffen und wenn sie sich mit der Abfolge der Situationen, die ihnen entgegentreten, auseinandersetzen.“ (Blumer 2013, 69) Werbung ist eine menschliche Kulturleistung. Mit dem deutschen Psychologen Peter Bak lässt sich Werbung auch als Suche nach Bedeutung verstehen: „Bedeutung ist demnach der Erkenntnisschlüssel zu uns und zu anderen. Daraus lässt sich auch eine ethische Komponente von Bedeutung ableiten. Wenn wir unsere Bedeutungen kennen, kennen wir uns. Und es zeigt uns die Möglichkeiten auf, unser Leben so oder anders zu gestalten. Gleichzeitig sind wir bei der Beurteilung und Bewertung der uns umgebenden Menschen und Situationen zur Vorsicht gemahnt. Deren Erleben und Verhalten lässt sich nur aus deren Bedeutungssystem ableiten, was zu kennen uns verwehrt bleiben wird. Dies im eigenen Erleben und Verhalten zu berücksichtigen mag tatsächlich eine der besten Möglichkeiten darstellen, die Menge ähnlicher Welt-Bedeutungen zu erweitern und dadurch die Chance auf gegenseitiges Verständnis und eine friedvolle Koexistenz der Bedeutungsgeber zu erhöhen.“ (Bak 2012, 9) Werbung liefert nicht nur eine Erweiterung von bestehenden Bedeutungsspektren, sondern greift auch auf tradierte Bedeutungssysteme zurück – Bedeutungssysteme, die in Form von Märchen vielen Generationen von Menschen Orientierung und damit auch Relevanzstrukturen geliefert haben: „Alle Erfahrungen und alle Handlungen gründen in Relevanzstrukturen. Jede Entscheidung stellt außerdem den Handelnden mehr oder minder explizit vor eine Reihe von Relevanzen.“ (Schütz/Luckmann 2003, 253)

Ines Imdahl hat in ihrem Buch ein Bild der Werbung gezeichnet, dass – entgegen einiger ihrer Bemerkungen – nur wenig Anknüpfungspunkte für einen kompetenten Umgang mit Werbung als gesellschaftlicher Kommunikationsform ermöglicht. Ausgehend von ihren Postulaten, dass erstens Menschen immer für sich selbst würben (vgl. Imdahl 2015, 23) und dass zweitens Werbung eine gesellschaftliche Omnipräsenz habe, argumentiert sie in ihrem Buch für die Akzeptanz der Werbung und deren Wertschätzung. Werbung ist zugegebenermaßen eine menschliche Kommunikationsform, aber nicht die einzige. Werbung ist eine besondere Form der Unternehmenskommunikation und dient dem Erfolg eines Unternehmens (vgl. Bak 2014, 5) Werbung ist damit auch zugegebenermaßen eine kulturelle Errungenschaft, aber sicherlich nicht der Lebenserhalter menschlicher Kultur: „Selbst wenn wir es wollten, können wir nicht nicht werben. Und das ist auch wirklich gut so … Vielmehr ist Werbung eine menschliche Kommunikationsform, die unsere gesellschaftlichen Werte, Träume, Mythen und Einstellungen zum Ausdruck bringt und somit letztlich auch unsere Kultur am Leben erhält.“ (Imdahl 2015, 22)

Als argumentatives Nebenprodukt wirbt sie für die Kompetenz ihrer Agentur in der Gestaltung effektiver Werbung. Die Entwicklung einer gewissen Kompetenz im Umgang mit Werbung aus Sicht der Konsumenten bleibt diesem Anliegen zurückgestellt. Das Schlussplädoyer bleibt daher mit einem schalen Beigeschmack: „Wenn wir wissen, dass Werbung überall ist, gehen wir entspannter mit ihr um, sind aber auch achtsamer und vielleicht weniger anfällig für die bisher unbemerkten Manipulationen.“ (Imdahl 2015, 219)
Pointiert formuliert: Ines Imdahl ist ein Coup gelungen – in einem renommierten Verlag, der Gesellschaftskritik und Aufklärung einen sicheren Hafen bietet, hat sie eine Art Werbebroschüre für ihre Agentur untergebracht, der Leser ist Staffage – Adressat sind Unternehmen, die effektiver Werbung treiben wollen.

„Ich möchte mit einer Frage schließen. Mit Der Frage. Stellen Sie sich einmal vor, ich böte ihnen alles an, was Sie sich wünschen. Grenzenlosen Reichtum; Sie könnten sich alles kaufen, was Ihr Herz begehrt; Sie hätten das beste Liebes- und Sexleben, das Sie sich nur vorstellen könnten; Sie strotzten vor Gesundheit und würden kaum altern. Allerdings kämen Sie nur unter einer Bedingung in den Genuss all dieser Annehmlichkeiten: Sie müssten als Gegenleistung Ihr Bewusstsein abgeben. Würden Sie das tun? Ich auch nicht.“ (Dijksterhuis 2010, 235)

Harald G. Kratochvila, Wien

Verwendete Literatur:

Bak, P. M. (2012). "Über das Wesen von Bedeutung." Philosophie der Psychologie.

Bak, P. M. (2014). Werbe- und Konsumentenpsychologie. Eine Einführung. Stuttgart (GER), Schäffer-Poeschel Verlag

Berger, P. L. und T. Luckmann (2013 [1966]). Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit - Eine Theorie der Wissenssoziologie. Frankfurt/Main (GER), Fischer Taschenbuch Verlag

Blumer, H. (2013 [1931-1971]). Symbolischer Interaktionismus - Aufsätze zu einer Wissenschaft der Interpretation. Berlin (GER), Suhrkamp Verlag

Dijksterhuis, A. (2010 [2007]). Das kluge Unbewusste - Denken mit Gefühl und Intuition. Stuttgart (GER), Klett-Cotta

Schütz, A. und T. Luckmann (2003). Strukturen der Lebenswelt. Konstanz (GER), UVK Verlagsgesellschaft

Sturm, A., et al. (2011). Organisationspsychologie. Wiesbaden (GER), VS Verlag für Sozialwissenschaften